Pariser Gespräch

«Das ist», sagte Lucien Herr, der Bibliothekar aus Straßburg, «die andere Hälfte meiner Jugend, meine ganze Kindheit; wenn ich das höre, bin ich zu Hause, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen zwei Sprachen. Da bin ich völlig in dem alten Europa, da ist alles echt und wahr und genau und gemessen unter seiner Hand und das Kleine herrlich, und das Größte vermag es auch auszusprechen. Hat jemals in der Dichtung einer das Gewitter, den mächtigen Vorgang der Natur, in Worten so verwirklicht wie er? Die zwei ersten Zeilen sind das Herrlichste, das ich kenne. In derartigem ist La Fontaine durch seine Ironie zu trocken. Hören Sie das! »

Und wieder fing der Oberelsäßer an:

« Der Vogel schwankt so tief und still,
er weiß nit, woner ane will.
Es chunnt so schwarz, und chunnt so schwer,
und in de Lüfte hangt e Meer
voll Dunst und Wetter.
Los, wie's schallt am Blauen, und wie's widerhallt?

In große Wirble fliegt der Staub
zum Himmel uf, mit Halm und Laub,
und lüg mer dört sel Wülkli a!
I ha ke große G'falle dra!
Lüg, wiener's usenander rupft,
wie üsereis, wenn's Wulle zupft.»

«Ich wußte schon, daß er den meint, er spricht mir immer von ihm», sagte Monsieur Augustin, der Antiquar; «es tönt wie chinesisch, aber der Rhythmus ist schön, als sei es Homer ». ­ «Auch ich kann es kaum verstehn», äußerte nun Rilke ganz traurig und wie betroffen, «das ist alemannisch.»

[Nach einigem Nachdenken:] «Ich werde mich in diesen Hebel vertiefen, aber dazu brauche ich eine ganze Zeit ­ nur mit ihm allein und vielleicht lieber hier in Paris als in Deutschland, wo man ihn in eine falsche Heimatkunst einspannen wird, wie man jetzt bei allem gerade das Äußerlichste und Zufälligste zum Wesentlichsten zu machen versucht, denn, nicht wahr: nicht daß dieser Mann in Dialekt gedichtet hat, sondern daß der Dialekt in ihm dichterisch geworden ist, das ist das Entscheidende. Sagen Sie doch noch einmal den Vers, den Sie so besonders schön fanden. »

Und wieder setzte Lucien Herr mit seiner tiefen Stimme ein und skandierte leicht mit der Hand:

« Der Vogel fliegt so tief und still
und weiß nit, woner ane will.»

« Ich verstehe das >ane< nicht », sagte Rilke. « Nun, das heißt », erwiderte etwas ungeduldig der Bibliothekar:

« Der Vogel fliegt so tief und still
und weiß nicht, wo er hin will.

Das ist gar nichts mehr und hat keinerlei poetischen Gehalt. In dem >ane< liegt es. Darum kann man nicht trennen, die Sprache und der Dichter sind eins, sie bilden ein Phänomen zusammen. Auf das Individuum kommt es eben überhaupt nicht an, sondern nur auf die Koinzidenz zwischen Mensch und Ausdrucksmittel, Zeit und Ort ­es ließe sich nur algebraisch ausdrücken. Und nun muß ich wieder zu meiner Jugend. »

Er erhob sich, gab allen die Hand, warf einen weiten Radmantel über und verschwand.
 
 

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