Bemerkungen über unseren Dialekt

Am Bodensee, zwischen Lindau und Fischbach, kann jeder studieren, wie Sprache sich nach politischen Verhältnissen zu richten hat. Wer in den letzten 150 Jahren hier etwas gelten wollte, hat die zugezogenen Münchner oder Stuttgarter Beamten imitiert. Münchner Bairisch und Stuttgarter Schwäbisch sind zu bürgerlichen Standesmerkmalen geworden. Das Alemannische der Eingeborenen wurde zu einem Ausweis für mangelnde Erzogenheit und Bildung, die Imitation des Bairischen und Schwäbischen zu einem Karriere­Indiz. Eine Chance hat das Alemannische vielleicht noch auf der badischen Strecke, weil sich hier die bürgerliche Imitationssucht auf eine alemannische Hofhaltung bezog.

Der Ableger des Alemannischen, den ich als meine wirkliche Muttersprache bezeichnen muß, ist gerade jetzt im Erlöschen begriffen. Dieser Prozeß ist unumkehrbar. Falls einer aber hängt an so einem Dialekt, den er nach einigen unausbleiblichen Umzügen und Todesfällen nur noch für sich hat, muß er ihn pflegen im Monolog. Mit der Zeit verliert man dann auch den Mut und die Unbefangenheit, man verläßt sich nicht mehr darauf, daß man diese lautempfindlichste Sprache noch kann. Man denkt sie nur noch. Hört sie nur noch mit einem Ohr, das tief im Kopf versteckt ist.

Das soll nicht heißen, daß es etwa Mühe mache, so einen Dialekt inzüchtig am Leben zu erhalten. Das überhaupt nicht. Dieser Dialekt, als die erste Sprache, hat sich offenbar auf alle Sinne ausgewirkt, er ist, selbst wenn man ihn nie mehr sprechen kann, das äußerste Gegenteil einer toten Sprache. Alle Sprachen, die man nach ihm noch lernt und kennenlernt, werden durch ihn gerichtet: er als die erste Sprache besitzt Ohr und Zunge und alle willkürlich und unwillkürlich zusammenarbeitenden Muskulaturen des Ausdrucks und des Schweigens. Da man diese Muttersprache also keinesfalls loswird, beginnt man sich zu fragen, ob sie eine Hemmung sei, eine andauernde Ausdrucksbeschwernis und Langsamkeit oder ob man ihr auch etwas zu verdanken habe.

Martin Walser
   

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